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Stell dir Tokio im Jahr 1970 vor. Die amerikanische Popkultur ergiesst sich ueber das sich modernisierende Japan: Die ersten Burger-King-Theken eroeffnen, Blue Jeans erobern die Universitaeten, und Marvel Comics schliesst mit einem lokalen Verlag einen beispiellosen Vertrag, der den seltsamsten je veroeffentlichten Spider-Man hervorbringen wird. Ein damals noch unbekannter junger Mangaka namens Ryoichi Ikegami sichert sich die Rechte am Netzschwinger und beschliesst, ihn nicht nur zu uebersetzen. Er wird ihn vollstaendig neu schreiben, ihn Peter Parker entreissen und in eine reine psychologische Tragoedie verwandeln, meilenweit entfernt vom albernen Geist der amerikanischen Comics. Das Ergebnis? Eine Figur, von der die meisten deutschsprachigen Fans noch nie gehoert haben, deren Existenz fuenfzig Jahre lang verborgen blieb und die dennoch die gesamte Aesthetik des modernen Spinnen-Multiversums gepraegt hat.

Sein Name ist Yu Komori. Und zwischen 1970 und 1971 trug er, in den Seiten des japanischen Magazins Bessatsu Shōnen Magazine, das Kostuem des Netzschwingers in einem Paralleluniversum, in dem er ein von Schuldgefuehlen geplagter Oberschueler aus Tokio war, von seinen Mitschuelern gequaelt und von seinen eigenen Kraeften zu Tode geaengstigt. Sieben Jahre spaeter wird seine Silhouette eine zweite, noch radikalere japanische Wiedergeburt inspirieren: den televisionaeren Supaidaman von Toei, der einen riesigen Roboter namens Leopardon steuert und ohne es zu wissen die Grundlagen des weltweiten Tokusatsu-Genres legt, aus dem spaeter die Power Rangers hervorgehen werden. Dieser Artikel zeichnet diese gesamte vergessene doppelte Geschichte nach, vom Kultmanga Ikegamis bis zur juengsten Kanonisierung dieser japanischen Inkarnationen im Multiversum-Arc des Netzschwingers. Wenn du dachtest, du kenntest alle Versionen des Helden, dann mach dich bereit: Die seltsamste hat ganz klar gefehlt.

Yu Komori, der Spider-Man, den in Deutschland niemand kennt

Yu Komori ist ein junger Chemiestudent, der in Tokio in einem winzigen Apartment lebt, pleite, einsam und furchtbar intelligent. Anders als Peter Parker hat er keinen Onkel Ben, keine Tante May, keine Mary Jane. Er ist allein auf der Welt, und sein einziger geistiger Zufluchtsort ist sein notduerftiges Labor, in dem er Experimente mit Strahlung durchfuehrt. An einem Gewitterabend beisst ihn eine von einem seiner eigenen Geraete bestrahlte Spinne in den Nacken. Wenige Stunden spaeter klettert er panisch die Waende seines Gebaeudes hinauf. Der Grundplot greift bewusst den der amerikanischen Comics auf, damit der japanische Leser den Archetyp wiedererkennt, doch Ikegami vollzieht sofort eine radikale Wende: Waehrend Peter Parker sein Schicksal mit Optimismus und Humor in die Hand nimmt, sieht Yu Komori seine Kraefte als Fluch. Er will kein Held sein. Er will wieder normal werden.

Diese Besessenheit von der Rueckkehr zur Normalitaet wird die gesamte Serie strukturieren. Yu sucht verzweifelt nach einem Heilmittel fuer seinen Biss, frequentiert geheime Labore, nimmt zwielichtige Auftraege an, um seine Forschung zu finanzieren. Er begegnet Yakuza, Ganoven, korrupten Aerzten. Er bekaempft keine Superschurken: Er bekaempft die Armut, die soziale Ungerechtigkeit und seine eigene Not. Der Kontrast zur Psychologie des amerikanischen Peter Parker ist total. Waehrend der New Yorker Netzschwinger trotz seiner Zweifel zum Helden wird, bleibt Yu Komori ein Held durch Zufall, niemals aus eigener Wahl. Diese zutiefst japanische Nuance durchzieht das gesamte Werk Ikegamis und verleiht ihm eine psychologische Dichte, an die sich die Marvel-Comics derselben Epoche noch nicht heranzuwagen gewagt hatten.

Der Manga umfasst fuenf Hauptkapitel und wurde nie offiziell ins Deutsche uebersetzt. Jahrzehntelang wurde seine blosse Existenz nur durch Mundpropaganda unter Sammlern und ausgewiesenen Kennern von Ikegamis Werk weitergegeben, dem spaeteren Kultzeichner von Crying Freeman und Sanctuary. Auch heute noch findest du, wenn du Yu Komori auf den wichtigsten deutschsprachigen Seiten zum Universum des Netzschwingers suchst, nur verstreute, oft fehlerhafte Erwaehnungen. Und dabei ist diese Figur seit 2014 kanonisch. Marvel hat sie offiziell in die Hauptkontinuitaet integriert, beim Ereignis Spider-Verse von Dan Slott, wo er kurz als einer der Spider-Men auftritt, die zum Kampf gegen die Inheritors rekrutiert werden.

Ryoichi Ikegami, der Kuenstler, der Peter Parker in eine japanische Tragoedie verwandelte

Um die Einzigartigkeit des Yu-Komori-Mangas zu verstehen, muss man begreifen, wer Ryoichi Ikegami 1970 war. 1944 in Fukui geboren, war Ikegami damals 26 Jahre alt und begann, sich im Seinen-Manga, dem Manga fuer Erwachsene, einen Namen zu machen. Sein Stil war bereits unverkennbar: ein realistischer, fast fotografischer Strich, der radikal mit der bei seinen Zeitgenossen vorherrschenden Cartoon-Aesthetik brach. Waehrend die meisten Mangaka stilisierte Gesichter mit grossen Augen zeichneten, zeichnete Ikegami kantige Maenner, schwere Blicke, muskuloese Koerper, verankert in einem brutal realen Tokio. Er wird spaeter einer der bewundertsten Zeichner Japans werden, doch damals suchte er noch seinen Weg. Spider-Man war sein erstes wirklich grosses Projekt.

Der Vertrag mit Marvel kam ueber den Verlag Kodansha zustande, und Marvel — damals in einer Phase aggressiver internationaler Expansion unter dem Antrieb von Stan Lee — gibt Ikegami voellige Freiheit. Eine voellige Freiheit, die kein Mangaka jemals danach erhalten haette. Ikegami aendert fast alles. Der Schauplatz wechselt von New York nach Tokio. Peter Parker verschwindet zugunsten von Yu Komori. Mary Jane existiert nicht. Der Green Goblin und der schwarze Symbiont fehlen — diese klassischen Schurken werden erst spaeter in der amerikanischen Chronologie auftauchen, vor allem aber, weil Ikegami es vorzieht, seine eigenen Antagonisten zu erfinden: japanische Kriminelle, verankert in einer harten sozialen Realitaet, Yakuza, korrupte Geschaeftsleute. Die Gewalt ist roh, der Sex bisweilen angedeutet, der Ton insgesamt duester. Nichts gemein mit den amerikanischen Jugendcomics jener Zeit.

Ikegamis Arbeit fasziniert die wenigen westlichen Kritiker, die Jahre spaeter davon Kenntnis erlangen. Viele halten seinen Yu Komori auf psychologischer Ebene fuer eine der pessimistischsten Inkarnationen des Netzschwingers, die je produziert wurden. Die Serie endet auf einer mehrdeutigen Note: Yu findet nie sein Heilmittel, wird nie ein verehrter Held, findet nie die Liebe. Er bleibt bis zum Schluss ein innerer Fluechtling. Fuer Leser, die an den lichtvollen Ton des New Yorker Netzschwingers gewoehnt sind, ist das fast verstoerend. Fuer Liebhaber des Seinen-Mangas ist es ein verkanntes Meisterwerk.

Was dieses Werk noch kostbarer macht, ist, dass es alles vorwegnimmt, was Ikegami danach machen wird: die soziale Duesternis von Sanctuary, die stilisierte Gewalt von Crying Freeman, die moralische Ambivalenz von Strain. Der Yu Komori der fuenf japanischen Kapitel enthaelt im Keim sein gesamtes inneres Kino. Und er hat indirekt Generationen von Seinen-Mangaka inspiriert, die in diesem gescheiterten Adaptionsversuch ein Manifest sahen: Man kann eine westliche Figur nehmen und sie aus ihrem Kontext reissen, um etwas anderes daraus zu machen. Ikegami ist einer der Ersten, der das bewiesen hat.

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Von der Seite auf den Bildschirm — die Geburt von Supaidaman 1978

Sieben Jahre nach dem Ende des Yu-Komori-Mangas kehrt Japan zum Netzschwinger zurueck, diesmal jedoch ueber das Fernsehen. 1978 schliesst das Studio Toei — dasselbe, das spaeter die ersten grossen Marvel-Fernsehadaptionen produzieren wird — mit Stan Lee einen Vertrag, um den Helden als Live-Action-Serie zu adaptieren. Der Vertrag ist genauso seltsam wie der von 1970: Marvel laesst dem japanischen Studio voellige Freiheit, unter der Bedingung, dass das Kostuem wiedererkennbar bleibt. Alles andere kann veraendert werden. Toei nutzt das, um die Figur von Grund auf neu zu erfinden, erneut, und gibt ihr einen anderen Namen als der Yu Komori der Comics — nicht aus Inkohaerenz, sondern weil die neue Version auf ein familiaeres, juengeres Publikum abzielt und sich in die grosse japanische Tradition des Tokusatsu einreihen will, jener Serien mit handwerklichen Spezialeffekten, in denen kostuemierte Helden gegen Riesenmonster kaempfen.

Der neue Held heisst Takuya Yamashiro, ein junger japanischer Motorradfahrer, der seine Kraefte von einem Ausserirdischen namens Garia erhaelt, dem letzten Ueberlebenden des Planeten Spider, der vom intergalaktischen Imperium Iron Cross ausgeloescht wurde. Also kein direkter Bezug zum Yu Komori des Mangas, aber eine offensichtliche Verwandtschaft: ein junger Japaner, heimgesucht von einer Mission, um die er nicht gebeten hat, und der das Kostuem des Netzschwingers tragen muss. Die Serie umfasst 41 Episoden, ausgestrahlt zwischen Mai 1978 und Maerz 1979, und sie legt die visuellen Grundlagen fuer alles, was im Genre folgen wird. Takuya, oder Supaidaman fuer die Japaner, springt von Dach zu Dach in einem wunderschoen gefilmten naechtlichen Tokio, schiesst seine Spinnennetze aus einem Armband namens Spider Bracelet und faehrt einen verwandelbaren Wagen namens GP-7, der an Waenden entlangfahren kann.

Doch der wahre Geniestreich von Toei kommt in der fuenfzehnten Minute der ersten Episode. Wenn ein Riesenmonster auftaucht, kaempft Supaidaman nicht allein. Er ruft von einer Einlegearbeit ueber seinem GP-7 ein Raumschiff namens Marveller herbei, das sich in einen gigantischen Kampfroboter namens Leopardon verwandelt. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Genres, dass die beiden Archetypen — der kostuemierte Held in Menschengroesse und der steuerbare Riesenroboter à la Mazinger Z — in ein und derselben Show verschmelzen. Niemand hatte diese Synthese bis dahin gewagt. Toei hat ohne es zu wissen gerade die narrative Formel erfunden, die das Tokusatsu die folgenden vierzig Jahre lang dominieren wird, bis hin zu den amerikanischen Power Rangers der 90er Jahre und darueber hinaus.

Leopardon, der Riesenroboter, der einen neuen Typ von Superheld erfand

Leopardon verdient einen ganzen Absatz, so absurd und zugleich historisch entscheidend ist seine Existenz. Stell dir die Szene vor: Spider-Man, im rot-blauen Anzug mit seinen Netzmustern, stehend im Cockpit eines fuenfzig Meter hohen weiss-roten Riesenroboters, der Laserschwerter in den Bauch eines Kaiju-Monsters aus Latex schleudert. Alles, was die Popkultur 1978 als inkohaerent beurteilt haette, hat Toei gewagt. Und das japanische Publikum hat es geliebt. Die Serie erzielte derart hohe Einschaltquoten, dass Stan Lee selbst, bei einem Besuch in Tokio 1980, oeffentlich erklaerte, er halte Leopardon fuer eines der besten Dinge, die jemals mit seiner Schoepfung gemacht worden seien — ein Zitat, das die amerikanischen Puristen lange nicht glauben wollten und das dennoch in mehreren Marvel-Archivdokumenten verzeichnet ist.

Der Erfolg von Supaidaman und Leopardon hat direkt die Super-Sentai-Franchise ab 1979 inspiriert, die spaeter, nach einigen Jahren der Anpassung an das amerikanische Publikum, zur Kultserie der Mighty Morphin Power Rangers werden sollte. Ohne Leopardon kein Megazord. Ohne Supaidaman kein Tommy Oliver. Und somit, im Dominoeffekt, keine der gesamten Aesthetik kostuemierter Helden mit Riesen-Mecha, die heute einen guten Teil der Popkultur fuer Kinder auf der ganzen Welt praegt. Diese Abstammung wird in den offiziellen Geschichten des Genres selten anerkannt, doch die Tokusatsu-Historiker dokumentieren sie seit den 2000er Jahren. Der japanische Netzschwinger hat versehentlich ein ganzes Subgenre der weltweiten Unterhaltung gezeugt. Der vollstaendige Arc der grossen Sagas des Netzschwingers ignoriert diese transmediale Dimension weitgehend, und dabei ist sie eine der wichtigsten.

Auf visueller Ebene ist Leopardon ein rot-weiss-blauer Roboter — genau die Farben des Heldenkostuems — mit einem massiven Torso, spitzen Schulterpolstern und einem Helm, der vage an eine Samurai-Maske erinnert. Seine Hauptbewaffnung ist das Schwert Sword Vigor, das die Monster in einer einzigen spektakulaeren Szene in nahezu jeder Episode zerschneidet. Die Wiederholung dieser Sequenz wurde zu einem Running Gag der Show und zu einem nostalgischen Anker fuer Generationen japanischer Fans. Heute werden Vintage-Figuren von Leopardon auf japanischen Auktionsseiten zu astronomischen Preisen verkauft. Fuer europaeische Sammler, die die Existenz der Serie entdecken, ist das oft ein Schock.

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Warum blieb Yu Komori in Deutschland unbekannt?

Die Frage verdient es, frontal gestellt zu werden. Wie kommt es, dass Deutschland, ein traditionell seit den 90er Jahren manga-begeistertes Land und seit den ersten Filmen von Sam Raimi vom Netzschwinger besessen, Yu Komori ein halbes Jahrhundert lang voellig ignoriert hat? Die Antwort liegt in drei sich kreuzenden Faktoren. Der erste ist kommerziell: Der Originalmanga fand nie einen deutschen Verlag. Zu der Zeit, als der Manga in den 90er Jahren hierzulande durchzubrechen beginnt, ist Ikegami fuer Crying Freeman und Sanctuary bekannt, zwei Serien. Doch sein Spider-Man von 1970 bleibt rechtlich blockiert: Marvel haelt die Rechte an der Figur, Kodansha haelt die Rechte am japanischen Werk, und niemand hat es je geschafft, die beiden Rechteinhaber zusammenzubringen, um eine deutsche Uebersetzung zu autorisieren.

Der zweite Faktor ist kulturell. Waehrend der 90er und 2000er Jahre wurde das Bild des Netzschwingers in Deutschland von den Fox-Kids-Cartoons und dann von den Filmen von Sam Raimi dominiert. Die deutschsprachigen Fans kannten Peter Parker, Mary Jane, den Goblin, Venom. Niemand stellte sich die Frage, ob es auslaendische Versionen gab. Und als Into the Spider-Verse 2018 die Idee des Spinnen-Multiversums populaer machte, rueckte der Film Peni Parker, Spider-Ham, Spider-Man Noir und Miles Morales in den Vordergrund. Yu Komori hingegen taucht nicht auf. Man haette auf die naechste Version des Films oder die Trailer von Beyond the Spider-Verse warten muessen, damit er in der deutschsprachigen Konversation wieder auftaucht.

Der dritte Faktor ist rein verlegerisch. Die Comics, die Yu Komori in der offiziellen Marvel-Kontinuitaet erwaehnen, sind wenige und kaum ins Deutsche uebersetzt. Sein erstes kanonisches Auftreten in Spider-Verse #1 im Jahr 2014 ist ein Cameo von wenigen Panels inmitten einer Armada von Hunderten von Spider-Men. Die deutsche Version von Panini Comics hat ihn veroeffentlicht, jedoch ohne besondere Hervorhebung, und die deutschsprachigen Leser haben die historische Bedeutung der Figur nicht erfasst. Um zu verstehen, wer dieses verhuellte Gesicht am Rand wirklich war, musste man bereits englisch- oder japanischsprachige Analysen zu Ikegamis Werk gelesen haben. Ein Vorwissen, das die neuen Fans nicht hatten.

Die spaete Kanonisierung — als Marvel seine japanischen Netzschwinger rehabilitierte

Die offizielle Wende kommt 2014 mit dem Arc Spider-Verse von Dan Slott, der zum ersten Mal alle Spinnen-Versionen des Multiversums vereint, gegenueber Morlun und der Familie der Inheritors. Slott und sein Redaktionsteam treffen die mutige Entscheidung, die beiden japanischen Spider-Men zu integrieren: Yu Komori aus Ikegamis Manga und den televisionaeren Supaidaman von Takuya Yamashiro mit seinem Roboter Leopardon. Die beiden Figuren tauchen in mehreren Szenen auf, ergreifen sogar das Wort und nehmen an der finalen Schlacht gegen die totemistischen Jaeger des Multiversums teil. Es ist das erste Mal seit fuenfzig Jahren, dass Marvel ihre Existenz offiziell anerkennt.

Diese Kanonisierung fuegt sich in einen breiteren Trend von Marvel ein, seine fremden Winkel zu erkunden. Der Verlag hat um 2010 herum verstanden, dass er eine kreative Goldgrube hatte schlummern lassen, indem er seine internationalen Adaptionen ignorierte. Spider-Man India mit Pavitr Prabhakar, 2004 fuer den indischen Markt geschaffen, wird zu einer wiederkehrenden Figur. Spider-Man UK mit Billy Braddock, Erbe einer britischen Linie, erlangt seine Adelsbriefe. Yu Komori und Supaidaman gehen denselben Weg der Rehabilitierung. Fuer Marvel ist das nicht nur reine Nostalgie: Es ist eine kommerzielle Strategie, die darauf abzielt, das Multiversum-Erlebnis fuer die Fans zu bereichern und die Verbindung zu den asiatischen Maerkten wiederherzustellen, die den Netzschwinger seit Jahrzehnten gemieden hatten.

Der zweite Hoehepunkt dieser Kanonisierung kommt mit Across the Spider-Verse 2023. Obwohl Yu Komori im Film nicht ausdruecklich genannt wird, erinnern mehrere in den Szenen der Spinnen-Gesellschaft erblickte Spider-Men stark an die japanischen Designs der 70er Jahre. Die ausgewiesenen Fans haben mindestens einen Helden identifiziert, der an Ikegamis Manga erinnert, und einen weiteren, dessen Mecha-Ruestung klar an Leopardon denken laesst. Die Produzenten haben in Interviews bestaetigt, dass diese Anspielungen gewollt waren, ein Zeichen dafuer, dass der Einfluss des Tokusatsu und des Seinen-Mangas auf die moderne Aesthetik des Marvel-Multiversums nunmehr anerkannt ist.

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Das verborgene Erbe des japanischen Netzschwingers in der weltweiten Popkultur

Ueber die Power Rangers hinaus reicht der Einfluss der beiden japanischen Spider-Men weit weiter, als die meisten deutschsprachigen Fans vermuten. Der duestere Ton des Yu-Komori-Mangas hat mehrere Mangaka inspiriert, die danach beruehmte Werke schufen: Tsutomu Nihei (Autor von Blame!) hat Ikegami oft zu seinen wichtigsten Einfluessen gezaehlt, und seine Besessenheit von kafkaesken urbanen Architekturen verdankt dem in Yu Komori gezeichneten daemmrigen Tokio viel. Hiroaki Samura, der Autor von Blade of the Immortal, hat es in einem Interview von 2009 gepriesen. Und in juengerer Zeit haben Zeichner wie Inio Asano den Einfluss von Ikegamis fotografischen Bildausschnitten auf ihre eigene Arbeit anerkannt. Die Sequenz, in der Yu Komori 1971 mitten im Gewitter einen Wolkenkratzer in Shinjuku erklimmt, wurde Dutzende Male in spaeteren Werken nachgeahmt, ohne dass die Originalquelle immer angegeben wurde.

Aufseiten Supaidaman ist der Einfluss auf das Tokusatsu noch direkter. Die Serie hat Toei dazu inspiriert, 1979 die erste offizielle Super-Sentai-Franchise zu schaffen, die sich bis heute in 47 Serien entfalten wird. Das grundlegende Konzept — einer oder mehrere kostuemierte Helden, die Monster in Menschengroesse bekaempfen und dann einen Riesenroboter fuer die finale Schlacht herbeirufen — ist genau jenes, das Supaidaman im Jahr zuvor eingefuehrt hatte. Als Saban Entertainment 1992 die Rechte an Super Sentai erwirbt, um die Mighty Morphin Power Rangers zu produzieren, reist die DNA des japanischen Netzschwingers mit, ohne dass irgendjemand in den Vereinigten Staaten es bemerkt. Die Power Rangers der ersten Staffel von 1993 sind buchstaeblich entfernte Cousins von Supaidaman.

Der Einfluss geht auch ueber den Rahmen des Tokusatsu hinaus. Die modernen Marvel-Filme haben begonnen, immer subtilere japanische Referenzen einzubauen. No Way Home enthaelt eine kurze Szene, in der Peter Parker einen seiner alternativen Spider-Men als Helden erwaehnt, der einen Mecha steuert — eine offensichtliche Anspielung auf Leopardon. Der Sam Raimi, der spaeter Multiverse of Madness inszenieren wird, hat in mehreren Interviews erklaert, er habe als Kind bei einer Familienreise nach Japan Episoden von Supaidaman gesehen, und die Szene der Roboter-Beschwoerung habe ihn fuers Leben gepraegt. Die Kaiju-Aesthetik mehrerer neuerer Filme verdankt ihm indirekt etwas. Die vergleichenden Analysen zwischen den Kino-Versionen des Netzschwingers heben diese Dimension selten hervor, und das ist ein echtes Manko.

Yu Komori und Supaidaman im heutigen Multiversum — warum sie ihren Platz verdienen

Die Debatte existiert in der Fan-Gemeinschaft noch immer. Manche Puristen sind der Ansicht, dass Yu Komori und Supaidaman nicht kanonisch sein sollten, weil sie nicht von Stan Lee und Steve Ditko geschaffen wurden und weil ihre Tonalitaet sich zu sehr vom urspruenglichen Geist des klassischen Peter Parker entfernt. Andere argumentieren im Gegenteil, dass das Multiversum ohne diese radikalen Variationen keinerlei Sinn ergeben wuerde und dass der Reichtum des Spider-Verse-Arcs gerade aus dieser kulturellen Vielfalt herruehrt. Die Position von Marvel ist seit 2014 klar: Die beiden japanischen Spider-Men sind offiziell Mitglieder des Oekosystems, genauso wie die neueren Versionen des Spinnen-Multiversums. Sie nehmen an den grossen Ereignissen teil, tauchen auf den Variant-Covern auf und stehen in den offiziellen Guides.

Fuer den deutschsprachigen Fan, der heute ihre Existenz entdeckt, geht es nicht nur darum, ein Kaestchen in einer Checkliste obskurer Figuren abzuhaken. Es geht darum zu verstehen, dass das Spider-Man-Multiversum weit umfangreicher und kreativer ist, als die Filme vermuten lassen. Yu Komori ist der Beweis, dass ein und derselbe Archetyp in den Haenden eines Mangaka aus Tokio ein rohes psychologisches Drama hervorbringen kann. Supaidaman ist der Beweis, dass er in den Haenden eines leidenschaftlichen Spezialeffekt-Studios auch einen einfallsreichen und freudigen Fernseh-Blockbuster hervorbringen kann. Der Netzschwinger gehoert keinem Land, keiner Tonalitaet, keinem Medium. Er ist seinem Wesen nach vielfaeltig. Und genau aus diesem Grund fasziniert er seit sechzig Jahren ganze Generationen von Lesern und Zuschauern auf allen Kontinenten.

Das Abenteuer ist zweifellos noch nicht zu Ende. Mit dem baldigen Erscheinen von Beyond the Spider-Verse haben die Produzenten durchblicken lassen, dass noch obskurere neue Helden auf der Leinwand auftauchen werden. Yu Komori wuerde, mehreren dem Studio nahestehenden Quellen zufolge, in einer Szene von wenigen Sekunden erscheinen, in der man sein verhuelltes Gesicht in der Menge der versammelten Spider-Men erblickt. Sollte die Bestaetigung kommen, waere es das erste filmische Auftreten dieser seit fuenfzig Jahren vergessenen Manga-Figur. Fuer die Fans, die mit Toby Maguire oder mit Tom Holland aufgewachsen sind, die Gelegenheit, einen verborgenen und faszinierenden Teil der Geschichte des Netzschwingers zu entdecken. Fuer die ausgewiesenen Fans, die die Saga seit den ersten Comics verfolgen, ein kultureller Sieg, auf den sie viel zu lange gewartet haben. Jede Erde des Multiversums hat ihre eigene Geschichte zu erzaehlen, und die Erde-7191 von Supaidaman verdient, ebenso wie die Erde-70019 von Yu Komori, endlich das Licht.

Wenn du die Erkundung verlaengern willst, tauche ein in die eigens gewidmeten Seiten des erweiterten Oekosystems des Spinnen-Multiversums und vergleiche mit den anderen Inkarnationen des Netzschwingers, die der Shop bereits kartografiert hat. Du wirst dort Dutzende weiterer wenig bekannter Figuren finden, deren Geschichte es verdient, dass man bei ihr verweilt. Die japanische Saga ist nur ein Fragment dieses grossen mehrdimensionalen Wandteppichs, der jede erneute Lektuere des Netzschwingers noch reicher macht als die vorige. Und genau das ist es, was die heutigen Fans lieben: eine unendliche Mythologie, gemacht aus Variationen, Verzweigungen und kleinen vergessenen Perlen wie Yu Komori und Supaidaman, die daran erinnern, dass die weltweite Popkultur manchmal vernetzter ist, als man glaubt.

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