Seit seinem Kinodebuet im Jahr 2002 hat Spider-Man mehrere kultige Inkarnationen erlebt: Tobey Maguire in Sam Raimis Trilogie, Andrew Garfield in den Amazing Spider-Man und in juengerer Zeit Tom Holland im Marvel Cinematic Universe. Jede dieser Sagas hat die Fans gepraegt, doch sie werden auch regelmaessig fuer ihre Drehbuch-Ungereimtheiten, ihre Freiheiten gegenueber den Comics und ihre Brueche der inneren Logik kritisiert.
Anhand einer eingehenden Analyse dieser Filme blicken wir auf die wichtigsten Fehler, Auslassungen oder Widersprueche zurueck, die die Zuschauer verwirrt haben koennten, ob blosse Gelegenheitsfans oder eifrige Marvel-Leser. Denn selbst die ikonischsten Helden koennen im Netz ihres eigenen Universums stolpern.
Die auffaelligsten Fehler in Sam Raimis Trilogie
Sam Raimis Trilogie (2002-2007) gilt oft als grosse Wende im Superhelden-Kino. Doch trotz ihrer Wirkung enthaelt sie mehrere fragwuerdige erzaehlerische Entscheidungen. Eine der eklatantesten ist zweifellos die Entscheidung, Peter Parker biologische Netze zu verleihen anstelle der traditionellen mechanischen Netzschleudern, die die Figur selbst entwickelt. Dieses Detail veraendert die Dynamik des Helden grundlegend, indem es einen Teil seines wissenschaftlichen Genies entfernt, das in den Comics doch zentral ist.
Ein weiteres Beispiel findet sich in Spider-Man 3, wo die Geschichte vom Tod des Onkels Ben so abgeaendert wird, dass Sandman als der wahre Schuldige eingefuehrt wird. Diese Wendung untergraebt den gesamten emotionalen Aufbau der ersten beiden Filme. Hinzu kommt, dass Peters erratisches Verhalten, waehrend er den Symbionten traegt - insbesondere die beruehmte Szene "Emo Peter" -, vielfach verspottet wurde und im Vergleich zum Rest der Saga als Bruch im Ton wahrgenommen wird.
Schliesslich verschwinden manche Nebenfiguren ohne Erklaerung. Professor Connors, der immerhin in den ersten beiden Teilen eingefuehrt wird, schien dazu bestimmt, zum Lizard zu werden, wie in den Comics. Doch dieser Handlungsstrang blieb in der Schwebe, mangels eines vierten Films.
The Amazing Spider-Man: angestossene, aber nie abgeschlossene Handlungsstraenge
Der Reboot von Marc Webb, getragen von Andrew Garfield, hatte den Anspruch, eine realistischere und emotionalere Version von Peter Parker zu bieten. Doch trotz eines schoenen anfaenglichen Versprechens litt die Saga unter zahlreichen erzaehlerischen Ungereimtheiten und einem Mangel an Kontinuitaet.
Im ersten Film ist der Ursprung von Spider-Mans Kraeften mit einer genetischen Manipulation verbunden, an der Oscorp und die Forschungen von Peters Vater beteiligt sind. Dieser faszinierende Ansatz wird im zweiten Film rasch fallengelassen. Die Geschichte von Peters Eltern, obwohl als roter Faden hervorgehoben, bleibt unvollstaendig. Schlimmer noch: Mehrere angekuendigte Handlungsboegen (insbesondere der der Sinister Six) werden wegen der Absetzung des dritten Teils nie das Licht der Welt erblicken.
Die Figur Felicia Hardy - alias Black Cat in den Comics - wird in The Amazing Spider-Man 2 kurz eingefuehrt, hat im Drehbuch aber schlichtweg keinerlei Funktion. Diese Art von unvollendetem Teasing hat viele Fans frustriert, zumal damit ein erweitertes Universum vorbereitet werden sollte... das nie das Licht der Welt erblickte.
Hinzu kommen ein unausgewogenes Tempo, eine Ueberfrachtung mit Schurken und Elemente wie die Ruestung von Rhino, die am Ende des zweiten Films aus dem Nichts auftaucht. Lauter Elemente, die eher den Eindruck von Improvisation als von einer kohaerenten Vision erwecken.
Der Spider-Man des MCU: Modernisierung... und technologische Ungereimtheiten
Mit dem Eintritt von Tom Holland in die Rolle des Peter Parker hat Marvel Studios Spider-Man wieder in sein gemeinsames Filmuniversum eingegliedert. Das Ziel war klar: einen jungen, mit der aktuellen Generation verbundenen und gut in die Avengers integrierten Helden zu bieten. Auf dem Papier funktioniert die Idee. Doch mehrere erzaehlerische Entscheidungen haben einen Teil des Publikums ueberrascht oder gar enttaeuscht, das der Originalversion der Figur treu ist.
So stellt etwa die zentrale Rolle von Tony Stark beim Aufbau von Spider-Man die eigenstaendige Identitaet des Helden auf den Kopf. In Homecoming erhaelt Peter sein verbessertes Kostuem, die integrierte KI und sogar die Missionsanweisungen direkt von Iron Man. Das steht in starkem Kontrast zur Vorstellung eines autodidaktischen Jugendlichen, der allein gegen das Verbrechen in seinem Viertel kaempft. Viele finden, dass dieser Spider-Man zu sehr von anderen abhaengt, um zu existieren, was der Kohaerenz seiner heldenhaften Entwicklung schadet.
Hinzu kommt, dass die Figur keinen klassischen Reifungsmoment durchlaeuft: kein Auftritt des Onkels Ben, keine Auseinandersetzung mit seiner Verantwortung und kein echtes persoenliches Trauma vor No Way Home. Dieses Fehlen eines starken dramatischen Fundaments erzeugt eine Diskrepanz zu den Erwartungen der Zuschauer und zu den von den Comics oder den vorherigen Filmen gelegten Grundlagen.
No Way Home: das Multiversum im Dienst des Fanservice... aber zu welchem Preis?
Spider-Man: No Way Home markierte eine Wende, indem er die Versionen von Tobey Maguire und Andrew Garfield zurueck auf die Leinwand brachte. Auch wenn der Film fuer seine Hommage an die vergangenen Sagas und die Emotion, die er ausloest, gefeiert wurde, ist er nicht frei von gravierenden Ungereimtheiten, insbesondere rund um die Behandlung des Multiversums.
So erinnern sich etwa manche Schurken (wie der Green Goblin oder Octopus) ganz genau an ihren Tod... obwohl sie eigentlich vor diesem teleportiert worden sein sollen. Andere, wie Electro, haben ohne logische Erklaerung ihr Aussehen oder ihre Persoenlichkeit veraendert. Schon das Grundprinzip von Doctor Stranges Zauber bleibt unklar: Warum sind manche betroffen und andere nicht? Warum kommen die Spider-Men so genau im richtigen Moment in dieser alternativen Welt an?
Eine weitere festgestellte Ungereimtheit: der finale Zauber, der Peter Parker aus dem Gedaechtnis aller loeschen soll. Wenn sich die Menschen nicht mehr an ihn erinnern, was ist dann mit den Fotos, den Videos, den sozialen Netzwerken, den Regierungsdatenbanken oder gar den mit Stark Industries geschlossenen Vertraegen? Diese Art erzaehlerischer Unschaerfe untergraebt die Kohaerenz des gesamten Universums.
Trotz allem bleibt der Film eine ergreifende Hommage, und seine Beliebtheit ist bis ins Merchandising spuerbar, etwa bei unseren Spider-Man-Postern oder Multiversum-T-Shirts, die einen riesigen Erfolg verzeichnen.
Die emotionalen Ungereimtheiten: Brueche, die verunsichern
Ueber die faktischen Elemente hinaus leiden mehrere Spider-Man-Filme unter schlecht gehandhabten emotionalen Bruechen. In Spider-Man 3 etwa wirkt der Sinneswandel von Mary Jane gegenueber Peter ploetzlich, ebenso wie ihre Beziehung zu Harry Osborn. Diese Gefuehlsumschwuenge ohne echte erzaehlerische Begruendung schaden der Glaubwuerdigkeit der Figuren.
Ebenso ist in The Amazing Spider-Man 2 der tragische Tod von Gwen Stacy einer der ergreifendsten Momente der gesamten Saga. Dennoch wird Peters Trauer in wenigen Szenen abgehandelt. Er geht rasch zu einer Kampfszene gegen Rhino ueber, was die emotionale Wucht des Verlusts schmaelert. Ein solcher Moment haette eine laengere, introspektivere Behandlung verdient, zumal fuer einen so vom Schmerz gezeichneten Helden wie Peter Parker.
Unzureichend genutzte oder schlecht integrierte Nebenfiguren
Die Spider-Man-Sagas haben zahlreiche Nebenfiguren aus den Marvel-Comics eingefuehrt, doch nicht alle haben die Entwicklung erhalten, die sie verdient haetten. Das gilt zum Beispiel fuer Felicia HardyThe Amazing Spider-Man 2, die als Assistentin von Harry Osborn vorgestellt wird, ohne jede Verwandlung in Black Cat. Der Film fuehrt sie ein, laesst sie in der Schwebe und greift sie dann nie wieder auf - eine weitere Enttaeuschung fuer langjaehrige Leser.
In Raimis Trilogie verhaelt es sich aehnlich mit Professor Connors. Zweimal erwaehnt, scheint er dazu bestimmt, zum Lizard zu werden, doch die Trilogie endet, ohne diese Spur je zu nutzen. Diese jaeh abgeschnittenen Handlungsfaeden zeugen von einem Mangel an langfristiger Planung und hinterlassen den Eindruck nicht eingehaltener Versprechen.
Das MCU bildet keine Ausnahme. Die Figur Ned Leeds, Peters treuer Freund, ist in No Way Home ploetzlich faehig, ohne jede vorherige Ausbildung einen Sling Ring zu benutzen, einfach "aus Instinkt". Diese Entwicklung wirkt, so witzig sie ist, wie aus dem Nichts und verraet einen Mangel an logischem Aufbau der Regeln des Universums.
Ein Multiversum, das die Kohaerenz manchmal zu sehr vereinfacht
Der Begriff des Multiversums ist fuer die Fans faszinierend, denn er ermoeglicht es, mehrere Versionen von Spider-Man koexistieren zu lassen und faszinierende Alternativen wie Spider-Gwen oder Spider-Man 2099 zu erkunden. Doch er dient manchmal auch als Vorwand fuer erzaehlerische Bequemlichkeiten.
In Into the Spider-Verse bekennen sich der Humor und der Animationsstil voll und ganz zum dimensionalen Chaos. In den Live-Action-Filmen hingegen sucht der Zuschauer mehr Kohaerenz. Nun bleiben aber manche Fragen unbeantwortet: Warum sind nur bestimmte Figuren von den dimensionalen Rissen betroffen? Warum altern manche Spider-Men, waehrend andere in der Zeit erstarrt scheinen? Und wie reisen die physischen Objekte - Kostueme, Gadgets, Substanzen - ohne Nebenwirkung zwischen den Welten?
Diese Fragen zeigen, dass das Multiversum, so spannend es ist, zu einem riskanten erzaehlerischen Werkzeug werden kann, wenn es nicht gut eingerahmt wird. Und diese Komplexitaet macht eine klare Lesart der Chronologie und der Spider-Man-Universen umso wertvoller.
Ein Ton, der ohne echte Kohaerenz zwischen Drama und Komoedie schwankt
Ein weiterer haeufiger Vorwurf betrifft die Variation des Tons zwischen den verschiedenen Filmen. Sam Raimis erste Spider-Man-Filme setzen auf eine ernste, fast tragische Inszenierung, in der jede Handlung Peters schwere Konsequenzen hat. Im Gegensatz dazu gliedern die MCU-Filme Spider-Man in eine komischere und leichtere Logik ein, mit Dialogen, die von staendigen Witzen durchsetzt sind, selbst mitten in einer dimensionalen Krise.
Dieses staendige Schwanken zwischen Drama und Humor kann den emotionalen Aufbau bei den Zuschauern stoeren. In No Way Home etwa folgt auf die Szene, in der Tante May stirbt, unmittelbar eine Wiedersehensszene zwischen den Spider-Men, durchsetzt von Spruechen und Selbstironie. Dieser brutale Kontrast schmaelert mitunter die emotionale Wucht bestimmter Schluesselereignisse.
Das bedeutet nicht, dass der Humor im Spider-Man-Universum keinen Platz hat - ganz im Gegenteil. Doch ein subtileres Gleichgewicht haette es ermoeglicht, die Erzaehlung in Einklang zu bringen und zugleich die Identitaet der Figur zu wahren, die in unserem Artikel ueber sein Erbe so treffend beschrieben wird.
Wenn die Ungereimtheiten... zum Kult werden
Man muss auch anerkennen, dass manche dieser Fehler oder Ungeschicklichkeiten zur Legende von Spider-Man im Kino beigetragen haben. Die Szene mit "Peter Parker in der Emo-Version" in Spider-Man 3 ist heute eines der beliebtesten Memes des Internets. Ebenso sind die zahlreichen "Aufeinander-Zeigen" zwischen den Spider-Men in No Way Home zu lebendigen Hommagen an die Welt der Comics und der sozialen Netzwerke geworden.
Dieses Phaenomen zeigt, dass sich selbst erzaehlerische Schwaechen, wenn sie sich in der Populaerkultur verankern, in virale Staerken verwandeln koennen. Die Fans eignen sich diese Ungereimtheiten an, verfremden sie, diskutieren sie... und tragen so dazu bei, Spider-Man Generation um Generation im Mittelpunkt der kollektiven Aufmerksamkeit zu halten.
Fazit: die Unvollkommenheit eines modernen Mythos
Kein Filmuniversum ist perfekt. Und wenn ein Franchise mehr als zwanzig Jahre dauert, getragen von mehreren Schauspielern, Drehbuchautoren und Studios, sind Ungereimtheiten nahezu unvermeidlich. Was letztlich zaehlt, ist die emotionale Wucht, die Verbundenheit mit den Figuren und die Faehigkeit von Spider-Man, sich weiterzuentwickeln und dabei seinen Werten treu zu bleiben: Mut, Verantwortung und Resilienz.
Trotz seiner Maengel bleibt Spider-Man einer der beliebtesten Superhelden aller Zeiten. Und vielleicht sind es gerade seine Fehler - menschliche, erzaehlerische, technische -, die ihn uns so nahe bringen. Weil er faellt, wieder aufsteht, improvisiert und weitermacht. Wie wir alle.



